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Seelsorgerische Arbeit in der JVA Meppen

Seelsorger Heinz-Bernd Wolters und Ulli Schönröck

Zu ihnen kommen die „schweren Jungs“, die ihnen ihr Herz ausschütten: Als Seelsorger in der JVA Meppen stehen für Ulli Schönrock und Heinz-Bernd Wolters aber nicht die Verbrechen der Häftlinge im Vordergrund, sondern die Menschen hinter den Taten.

Trotz der hohen Temperaturen ist es relativ kühl in den Gängen und Fluren der Justizvollzugsanstalt in Meppen-Versen. Gefängnispastor Ulli Schönrock ist auf dem Weg in seine Kirche. Dabei muss er viele Sicherheitstüren öffnen und schließen. Daran habe sich der 59-jährige evangelische Pastor aber schon gewöhnt, sagt er. Seit 14 Jahren arbeitet er in der JVA. Nach dem Gang über den Innenhof erreicht er seine Kirche, eine alte Mehrzweckhalle mit vergitterten Fenstern. Hier wartet auch schon sein katholischer Kollege, Heinz-Bernd Wolters, auf ihn. Wolters ist 56 Jahre alt und seit 1995 als Gefängnispastor tätig. Beziehungsarbeiter Der Grund, gerade im Gefängnis als Seelsorger und Pastor zu arbeiten, ist bei beiden gleich. Sie suchten eine neue Herausforderung. „Irgendwer dreht immer am Rad“, sagt Schönrock und meint damit nicht nur die Häftlinge, sondern auch die Politik und das Leben außerhalb der Gefängnismauern. Trotzdem lieben beide ihren Arbeitsplatz. „Wir sind völlig frei in unserem Tun“, erklärt Wolters. „Jeden Tag passiert hier etwas anderes. Es ist immer alles in Bewegung.“ Dass es sicherlich einen einfacheren Arbeitsort für einen Pastor gibt, daraus machen beide keinen Hehl. Die Häftlinge seien Menschen in Ausnahmesituation, die eine Begleitung bräuchten. „Wir sehen uns als Beziehungsarbeiter“, sagt Schönrock. Die Sorgen und Nöte in ihrer „Gemeinde“ seien im Prinzip die gleichen wie draußen. „Es ist nur viel schwerer, passende Antworten für die Probleme zu finden. Da wir hier im Männervollzug tätig sind, kommt ein Thema immer wieder zur Sprache: die zurückgelassenen Familien. Die Häftlinge selbst können sich nicht mehr kümmern, auch wenn sie es gerne würden. Die Angehörigen sind also auf sich alleine gestellt. Das sorgt nicht selten für Frust und Konflikte innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern.“ Oft sind diese Probleme aber nicht der Grund für eine Kontaktaufnahme der Insassen mit den beiden Geistlichen. „Tabak ist das Thema Nummer eins“, schildert Wolters. „Hier im Knast sind etwa 90 Prozent der Häftlinge Raucher, bedingt durch Stress und Langeweile. Tabak kostet Geld, und daran scheitert es oft schon. Wir können natürlich in der Regel nur Nein sagen, schließlich können wir die knapp 400 Insassen ja nicht mit Tabak versorgen. Das wollen wir auch überhaupt nicht. Aber wir nutzen die Kontaktaufnahme als Türöffner, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und oft bleiben sie dann.“ Der Teufelskreis Nicht selten fließen in den Gesprächen, die auch mit den Angehörigen geführt werden können, viele Tränen. Aber auch der Druck durch die allgemeine Haftsituation sei hoch, erklärt Schönrock. Eine Herausforderung ist die Entlassung aus dem Gefängnis. „Viele wissen gar nicht, wie es weitergehen soll. Sie haben keine Arbeit und dann in der Regel auch keine Wohnung.“ Einen Job zu finden sei mit einer kriminellen Vergangenheit nicht leicht. Nicht selten kämen die Entlassenen deshalb wieder zurück in die JVA, weil sie erneut straffällig geworden sind. „Das ist ein Teufelskreis. Umso mehr freut man sich, wenn man von einem Ex-Gefangenen hört, dass er es geschafft hat, straffrei zu bleiben.“ Die Frage, welches Verbrechen die Häftlinge begangen haben, interessiert die beiden Seelsorger nicht. „Wir schauen uns die Strafakten nicht an. Dafür fehlt uns auch die Zeit“, schildert Wolters. „Wir sehen den Menschen, nicht die Taten. In den Gesprächen erzählen die Inhaftierten meistens selbst ihre Geschichte und warum sie hinter Gittern gelandet sind.“ Wichtig sei den Geistlichen, dass ihnen vertraut wird. Deshalb steht bei ihnen auch die Schweigepflicht über allem. Selbst wenn damit ein anderes Verbrechen zusammenhängen würde. „Wir haben Kollegen, die dafür schon in Beugehaft mussten, weil sie selbst vor Gericht nicht ihr Schweigen gebrochen haben. Aber das ist eher die Ausnahme.“ Die Schuldfrage Auch Gott habe einen Platz im Gefängnis, so Schönrock. So mancher finde in der Haft zum Glauben. Als Missionare sehen sich Wolters und Schönrock aber nicht. „Wir möchten vermitteln, dass niemand hoffnungslos ist.“ Das sei auch oft Thema in ihren Predigten, in denen es sich oft um Schuldfragen dreht, um Denkanstöße zu geben. Man sei aber kein Richter und verurteile nicht. Deshalb spiele auch die Religion des Insassen keine Rolle. „Ob nun Muslim oder Christ, das interessiert uns nicht. Jede Religion stellt ja die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und diese Frage stellen sich viele der Insassen. Wir haben sogar schon Taufen hier in der JVA durchgeführt.“ In den Gesprächen betreiben die Seelsorger vor allem Ursachenforschung mit den Häftlingen und halten ihnen einen Spiegel vor. In Watte gepackt werde dabei niemand. „Wir sind hier im Knast. Das ist kein Ponyhof“, sagt Wolters. „Natürlich versuchen einige immer wieder, uns an der Nase herumzuführen. Das finden wir aber immer raus. Enttäuscht sind wir dann nicht. Das wäre nicht professionell. Es ist ein ‚sportlicher Wettkampf‘ um die Wahrheit mit den Gefangenen.“ Deshalb vermeiden die Seelsorger auch Freundschaften. Man sei ein Teil des Gefängnisses. Keiner der Inhaftierten sei freiwillig dort.

Von Harry de Winter (Quelle NOZ vom 06.08.2018)

Artikel-Informationen

06.08.2018

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